Jeden Monat neue Schilddrüsenkrebsfälle

Studienergebnisse der Fukushima Medical University

Am 30. November 2015 veröffentlichte die Fukushima Medical University die neuesten Daten der Schilddrüsenuntersuchungen an Kindern in der Präfektur Fukushima. Diese bestehen aus zwei getrennten Teilen: einer sogenannten Baseline-Studie (“baseline screening”) und einer Hauptuntersuchung (“full scale examination”).


Die Baseline-Studie
Im Rahmen der sogenannten Baseline-Studie sollte zwischen Oktober 2011 und März 2014 die Prävalenz, also die natürliche Häufigkeit von Schilddrüsenkrebsfällen in der pädiatrischen Bevölkerung festgestellt werden. Die jährliche Rate von Neuerkrankungen (Inzidenz) von Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Japan wird vom japanischen Gesundheitsministerium mit 0,3 pro 100.000 angegeben. Bei einer Bevölkerung von 300.000 Kindern war somit damit zu rechnen, dass 1 Schilddrüsenkrebsfall im Jahr festgestellt wird – entweder dadurch, dass die Erkrankung Symptome zeigt oder durch einen Zufallsbefund. Man weiß, dass durch Reihenuntersuchungen ein sogenannter “Screening-Effekt” auftritt, also durch die Untersuchung gesunder Probanden auch schon frühe Erkrankungsstadien diagnostiziert werden, die normalerweise erst viel später symptomatisch geworden wären. Man rechnete also damit, dass man in den dreieinhalb Jahren der Baseline-Studie mehr als nur 3-4 Krebserkrankungen diagnostizieren würde. Bei diesen überzähligen Fällen ging man davon aus, dass sie in sehr frühen Stadien und daher ohne akute Gefährdung für die PatientInnen diagnostiziert würden.
Die tatsächlichen Ergebnisse der Baseline-Studie zeichneten jedoch ein anderes Bild: bei 537 Kindern wurden solch auffällige Befunde im Ultraschall identifiziert, dass Feinnadelbiopsien durchgeführt werden mussten. Die mikroskopische Aufarbeitung ergab insgesamt 114 Krebsverdachtsfälle. Die überwiegende Mehrheit von ihnen stellten sich in der weiteren Beobachtung ald aggressiv heraus, so dass 101 dieser Kinder auf Grund von Tumorstreuung (Metastasenbildung) oder gefährlich großem Wachstum des Tumors operiert werden mussten. Ein Fall stellte sich nach der Operation als gutartiger Tumor heraus, bei 100 der operierten Fälle bestätigte sich die Krebsdiagnose (97 klassische papilläre Schilddrüsenkarzinome und 3 schlecht differenzierte Schilddrüsenkarzinome). Schon nach Abschluss der Baseline-Studie stellten sich somit unangenehme Fragen bezüglich der Ursachen dieser unerwartet hohen Zahl aggressiver Schilddrüsentumoren. Die Entscheidung der japanischen Behörden, nach den mehrfachen Kernschmelzen im Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi explizit keine Jodtabletten an die betroffene Bevölkerung zu verteilen, ist nicht zuletzt angesichts der Ergebnisse der Schilddrüsenuntersuchungen schwer nachvollziehbar.


Die Hauptuntersuchung
Den zweiten Teil der Schilddrüsenuntersuchungen bildet die seit April 2014 laufende Hauptuntersuchung. Hierbei handelt es sich um die Nachuntersuchung aller Kinder, die in die Baseline-Studie eingeschlossen waren, sowie aller Kinder, die kurz nach dem Atomunglück geboren wurden. Die Zielgruppe dieser Untersuchung ist somit größer als die der Baseline-Studie. Geplant ist derzeit, diese Kinder bis zum Abschluss des 20. Lebensjahres alle 2 Jahre und anschließend alle 5 Jahre zu untersuchen. In der Hauptuntersuchung wurden zwischen April 2014 und März 2016 von insgesamt 379.952 Kindern bislang 199.772 untersucht. Validierte Ergebnisse liegen bislang nur von 182.547 Kindern vor (48,0 %). Bei 124 von ihnen waren bislang aufgrund schwerer Veränderungen im Ultraschall Feinnadelbiopsien notwendig. Die mikroskopische Aufarbeitung ergab insgesamt 39 neue Krebsverdachtsfälle. 15 dieser Kinder mussten auf Grund von Metastasen oder gefährlich großem Wachstum des Tumors bislang operiert werden, bei allen bestätigte sich die Diagnose „Papilläres Schilddrüsenkarzinom“.


Die Gesamtzahl von Kindern mit bestätigten Schilddrüsenkrebsdiagnosen liegt somit mittlerweile bei 115. Ihre Schilddrüsen mussten wegen Metastasierung oder zu schnellem Wachstum der Krebsgeschwüre operiert werden. Bei 37 weiteren Kindern besteht der akute Verdacht auf ein Schilddrüsenkarzinom. Sie warten noch auf eine Operation. Bei 15 der gesicherten Schilddrüsenkrebsfälle trat die Krebserkrankung im Zeitraum zwischen der Erst- und der Zweituntersuchung auf.

Im Zweitscreening wurden bei 58,9% Knoten oder Zysten gefunden. Im Erstscreening lag diese Rate noch bei 48,5%. Das bedeutet, dass bei 32.227 Kindern, bei denen im ersten Screening noch gar keine Schilddrüsenanomalien gefunden wurden, nun Zysten oder Knoten festgestellt wurden – bei 308 von ihnen sogar so große, dass eine weitere Abklärung dringend notwendig wurde. Zusätzlich wurde bei 656 Kindern mit kleinen Zysten oder Knoten im Erst-Screening in der Nachuntersuchung ein so rasches Wachstum festgestellt, dass weitergehende Diagnostik eingeleitet werden musste.
Leider werden die Daten bezüglich der neu diagnostizierten Schilddrüsenkrebsfälle von den Behörden zurückgehalten, so dass nicht bekannt ist, zu welchem Zeitpunkt genau das Erstscreening erfolgte. Geht man davon aus, dass zwischen den beiden Untersuchungen wie vorgesehen 2 Jahre liegen, dann ist von einer jährlichen Neuerkrankungsrate (Inzidenz) von derzeit 3,8 Fällen pro Jahr pro 100.000 Kinder auszugehen. Die Inzidenz für Schilddrüsenkrebs bei Kindern lag in Japan vor den Kernschmelzen von Fukushima bei 0,3 pro 100.000. Dieser Anstieg in der Inzidenz von Schilddrüsenkrebs bei Kindern um mehr als das Zehnfache lässt sich nicht mehr mit einem sogenannten „Screening-Effekt“ begründen.

Nur die Spitze des Eisbergs?
Die Zahl der bislang noch nicht untersuchten Kinder legt nahe, dass über die jährliche Inzidenz hinaus noch mit einem weiteren Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle zu rechnen ist. Mehr als 67.000 strahlenexponierte Kinder aus der Präfektur Fukushima wurden erst gar nicht in die Untersuchung eingeschlossen, mehr als 180.000 Kinder warten weiterhin auf ihre Zweituntersuchung. So gibt es berechtigten Grund zur Sorge, dass die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle in den kommenden Jahren noch steigen könnte. Eine weitere besorgniserregende Tatsache ist, dass außerhalb der Präfektur Fukushima Kinder erst gar nicht untersucht wurden - obwohl bekannt ist, dass der radioaktive Niederschlag mit Jod-131 bis in die nördlichen Stadtteile von Tokio reichte und Hunderttausende weiterer Kinder in den Tagen und Wochen nach Beginn der Atomkatastrophe von erhöhten Strahlenwerten betroffen waren. Ohne Reihenuntersuchungen werden die zusätzlichen Krebsfälle, die in dieser Bevölkerung zu erwarten sind, nie mit der gefährlichen Strahlung in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden können.
Es bleibt erneut festzustellen, dass die Regierung der Präfektur Fukushima, wie auch die nationale Regierung unter Shinzo Abe zutiefst von der Atomindustrie durchdrungen ist und der Einfluss des sogenannten „Nuklearen Dorf“ in Japan weiterhin enorm ist. Unter dem „Nuklearen Dorf“ versteht man das Konglomerat aus Atomwirtschaft, atomfreundlichen Politikern, gekauften Medien und korrupten Aufsichtsbehörden, die gemeinsam das Fortbestehen der Atomindustrie im Land vorantreiben. 2012 wurde bekannt, dass die internationale Atomenergie-Lobby IAEA finanziell Einfluss auf die Fukushima Medical University nimmt, die die Schilddrüsenstudien in der Präfektur durchführt.
Eine ernsthafte und glaubwürdige Untersuchung der strahleninduzierten Schilddrüsenkrebsfälle durch die Universität ist unter diesen Umständen nicht zu erwarten und so wird das offizielle Resultat den Vorfestlegungen entsprechen: ein Zusammenhang zwischen dem signifikanten Anstieg von Schilddrüsenkrebserkrankungen mit dem mehrfachen Super-GAU vom März 2011 wird nicht gefunden werden. Die Schicksale der 115 Familien, deren Kinder jetzt schon wegen Krebserkrankungen der Schilddrüse operiert werden mussten, stehen auf einem anderen Blatt. Das universelle Recht auf Gesundheit und das Leben in einer gesunden Umwelt stehen für die Menschen in Fukushima zur Disposition – hier müsste eine verantwortungsvolle Politik Rahmenbedingungen schaffen, die eine ehrliche, von wirtschaftlichen Interessen unabhängige und wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung der gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe ermöglicht und die Sorgen und das Leiden der Betroffenen ernst nimmt.
Dr. med. Alex Rosen
IPPNW Deutschland

Quellen:
Endbericht des Baseline-Screenings Oktober 2011-März 2014
Zwischenbericht der Hauptuntersuchung vom 30. November 2015

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Maßeinheiten

Das Sievert (Sv) dient als Maßeinheit zur Bestimmung der Strahlenbelastung biologischer Organismen und wird bei der Analyse des Strahlenrisikos verwendet. 

1 Sievert (Sv) =
1000 Millisievert (mSv) =
1.000.000 Mikrosievert (µSv)

Die Strahlungsdosis pro Zeitspanne wird als Dosisleistung bezeichnet.

Der Jahresgrenzwert für Erwachsene liegt gemäß der deutschen Strahlenschutz- verordnung bei 1 mSv.

Becquerel (Bq), ist die Einheit der Aktivität eines radioaktiven Stoffes. Die Aktivität gibt die mittlere Anzahl der Atomkerne an, die pro Sekunde radioaktiv zerfallen.

Die aktuellen EU-Grenzwerte liegen zwischen 200 und 600 Becquerel Cäsium pro Kilogramm (Bq/kg) Lebensmittel.

Ein Gray ist für Röntgen-, Gamma- und Beta-Strahlung identisch mit einem Sievert, denn beides beschreibt 1 Joule pro kg, wird jedoch als Dosisgröße für den praktischen Gebrauch benutzt, während das Sievert als Äquivalentdosis gebraucht wird.

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