Neue Empfehlungen zu Strahlenhöchstwerten bei Arbeitern

[10.08.2015] Die japanische Atomaufsichtsbehörde NRA und das japanische Gesundheitsministeriums haben vorgeschlagen, die maximale Strahlenbelastung für Nukleararbeiter für eine Notfall-Situation von 100 Millisievert (mSv) auf 250 mSv anzuheben. Mit ihrer neuen Empfehlung passen sich die Behörden offenbar den Realitäten an, da die Strahlenbelastung von Arbeitern auf dem Gelände des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Dai-Ichi in Einzelfällen 250 mSv erreicht habe. Inzwischen liege die Belastung im Bereich von 100 mSv. Auch jenseits von Katastrophensituationen sollen Nukleararbeiter einer höheren Strahlenbelastung ausgesetzt werden dürfen. In fünf Jahren soll eine kumulierte Strahlenbelastung von 100 mSv zulässig werden.

Gerade Leih- und Hilfsarbeiter, die in mehreren Atomanlagen tätig sind und deren genaue Strahlendosen oftmals nicht adäquat dokumentiert werden, können so im Laufe der Zeit erheblichen Strahlendosen ausgesetzt werden. Ähnlich wie in Italien spielt in Japan die örtliche Mafia, die Yakuza, eine große Rolle in der Vermittlung ungelernter Arbeiter für Risikotätigkeiten, die sonst niemand bereit ist zu erledigen. Korruption, Vertuschung und offener Betrug bei der Registrierung von Arbeitern und Dosismessungen sind in der japanischen Atomindustrie an der Tagesordnung. Aber auch offiziell angestellte Arbeiter könnten beispielsweise nach 25 Jahre Dienstzeit in der japanischen Atomindustrie ganz offiziell mit 500 mSv belastet werden.

Aus mehr als 65 Jahren Forschung zu den gesundheitlichen Folgen ionisierender Strahlung weiß man, dass es keine ungefährliche Strahlendosis gibt: jede noch so kleine Belastung mit Radioaktivität erhöht das Erkrankungsrisiko an Krebs, Herzkreislauferkrankungen, Katarakten, hormonellen Erkrankungen und die Inzidenz von Fehlgeburten, Missbildungen und neurologischer Symptome bei den Nachkommen der Verstrahlten. Studien von Nukleararbeitern und ihren Kindern haben dies immer wieder gezeigt und erst kürzlich erschien im anerkannten medizinischen Fachjournal „The Lancet“ eine internationale Übersichtsarbeit, die erneut den kausalen Zusammenhang zwischen chronischer Belastung von Nukleararbeitern mit niedrig dosierter Strahlung und der Entwicklung von Leukämien belegt. Belastungen von unter 5 mSv können nachweislich das Krebsrisiko eines Menschen erhöhen, wie große epidemiologische Studien aus Australien und Großbritannien kürzlich gezeigt haben. Jede Erhöhung der zulässigen Grenzwerte bei Nukleararbeitern bedeutet somit eine bewusste Inkaufnahme gesundheitlicher Spätfolgen, Krankheits- und Todesfällen.

Daher fordert die IPPNW immer wieder adäquate Strahlenschutzmaßnahmen, korrekte Messung und Dokumentation von Strahlendosen und regelmäßige gesundheitliche Untersuchungen aller Arbeiter, die erhöhten Strahlendosen ausgesetzt sind. Zudem ist die Schaffung eines japanischen Lebenszeit-Dosisregisters für alle Nukleararbeiter erforderlich – insbesondere auch für Hilfs- und Leiharbeiter. Und selbstverständlich ist die sinnvollste Maßnahme ein schneller Ausstieg aus der Atomindustrie, damit die Gesundheitsschäden kommender Generationen von Arbeitern auf ein Minimum reduziert werden können.

  • Health ministry proposes more than doubling radiation exposure limit (April 18, 2015)
  • http://ajw.asahi.com/article/0311disaster/fukushima/AJ201504180025
  • 250 mSv: temporary increase in the emergency exposure dose limit in response to the TEPCO Fukushima Daiichi NPP accident and its decision making process
  • http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25436995
  • Leuraud et al. “Ionising radiation and risk of death from leukaemia and lymphoma in radiation-monitored workers (INWORKS): an international cohort study.” The Lancet Haematology, Volume 2, No. 7, Juni 2015. www.thelancet.com/journals/lanhae/article/PIIS2352-3026%2815%2900094-0/abstract

 

 

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