Quelle: Yukio Hayakawa/ Gunma University/7th edition, 8. August 2012

Eine Chronik der Katastrophe: Der Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi

Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit ereignet sich in Japan ein Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala. Die Techniker und Ingenieure der Atomkraftwerke von Fukushima Dai-ichi verlieren die Kontrolle über die Anlagen. Es kommt es zur Kernschmelze in drei Reaktoren. Erhebliche Mengen Radioaktivität werden freigesetzt. Ungefähr 100.000 Einwohner müssen das Gebiet vorübergehend oder dauerhaft verlassen.

Die Informationen über die atomare Katastrophe kommen nur scheibchenweise ans Licht. Der Atomkraftwerksbetreiber Tepco und die japanische Regierung reden die Folgen der Reaktorkatastrophe klein, vertuschen und verheimlichen. So hält die Regierung zum Beispiel Informationen des Computerprogramms „Speedi“ zur Abschätzung und Prognose der radioaktiven Kontamination lange zurück. Das System hatte für einige Gebiete außerhalb der 30-Kilometer-Zone um das Kraftwerk Ortsdosisleistungen von über 100 Millisievert pro Jahr vorhergesagt. Die vollständigen Daten veröffentlichte die zuständige Nuclear Safety Commission of Japan aber erst am 29. April 2011. Für die Bewohner von Namie, einer Stadt etwa acht Kilometer nordwestlich vom havarierten Kraftwerk entfernt, hat das schwerwiegende Konsequenzen. Sie kennen die Informationen des Computersimulationssystems nicht, wonach die Wolke von Fukushima Dai-ichi nach Nordwesten zieht, und fliehen ausgerechnet ins mehr als 20 Kilometer entfernte Tsushima. Dort regnete am 15. März der größte radioaktive Fallout ab.

Auch die Einstufung des Reaktorunfalls auf der internationalen Bewertungs-skala für nukleare Ereignisse (INES) erfolgt mit großer Verzögerung. Die japanische Atomaufsichtsbehörde (NISA) ordnet den Unfall in Reaktorblock 1 am 12. März zunächst auf Stufe 4 ein, am 18. März erhöht sie die Einstufung für Block 1, dann auf Stufe 5. Erst einen Monat später erfolgt die Einstufung der Höchststufe 7.

Im Atomkraftwerk Fukushima I betreibt Tepco sechs Siedewasserreaktoren. Zum Zeitpunkt des Erdbebens sind drei der sechs Reaktorblöcke des Atomkraftwerks für Wartungsarbeiten abgeschaltet, die Brennelemente aus Reaktorblock 4 in Abklingbecken im Reaktorblock ausgelagert. Im Reaktor 1 kommt es bereits am 11. März zu einer Kernschmelze und der Freisetzung von radioaktiver Strahlung. Am 14. März und 15. März 2011 ereignen sich im Gebäude von Reaktor 3 und Reaktorblock 2 Explosionen. Um 18.22 Uhr Ortszeit folgt der Ausstoß des gesamten radioaktiven Inventars des Reaktors 2. Am 15. März gegen 6 Uhr zerstört eine Explosion am Reaktorblock 4 den Großteil der oberen zwei Geschosse.

Tepco misst am 15. März in der Umgebung von Reaktor 3 eine Ortsdosisleistung bis 400 Milisievert pro Stunde. 400 Millisievert ist in Deutschland die maximal zulässige Strahlenbelastung für einen Atomarbeiter während seines ganzen Arbeitslebens. Wegen der Strahlungsrisiken reduzierte Tepco die Zahl der Mitarbeiter auf dem Gelände von rund 800 auf 50.

Evakuierung der Bevölkerung

Am 11. März um 20.50 Uhr verfügt die Notfalleinsatzzentrale der Präfektur Fukushima die Evakuierung der Bevölkerung in einem Radius von zwei Kilometern um den Reaktorblock 1. Schrittweise lässt der Premierminister diesen Radius auf drei, zehn und 20 Kilometer erweitern. In den Notunterkünften, die auch zur Unterbringung von Tsunami-Betroffenen dienen, werden die Menschen aus der Kontaminationszone teils aus Angst vor Strahlung abgewiesen. Ärzte müssen Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellen.

Am 12. April beschließt die Regierung die Evakuierung der außerhalb der 20-Kilometer-Zone gelegenen Orte Katsurao, Namie und Iitate sowie von Teilen von Kawamata und Minamisoma, weil die Jahresdosis dort auf 20 Millisievert oder mehr geschätzt wird. Im April erhöht das japanische Erziehungsministerium zudem die Strahlengrenzwerte für Kinder auf 3,8 Mikrosievert pro Stunde. Die IPPNW protestiert in einem Brief an das Ministerium. Nach massiven Elternprotesten werden die Höchstwerte der zulässigen radioaktiven Belastung in Schulen im August 2011 wieder auf ein Millisievert im Jahr herabgesetzt.

Nach Angaben des konservativen Instituts de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire leben zwei Monate nach der atomaren Katastrophe noch über 70.000 Menschen, darunter 9.500 Kinder, in den hoch verstrahlten Gebieten außerhalb der Evakuierungszone. Sie errechnen für diesen Personenkreis eine Jahresdosis von bis zu 200 Millisievert.

Glück im Unglück hat der Großraum Tokio mit seinen rund 36 Millionen Einwohnern: Als die dichteste „radioaktive Wolke“ am 15. März über die Hauptstadt hinwegzieht, regnet es nicht. Allerdings zieht zwischen dem 20. und 22. März erneut Radioaktivität über noch größere Gebiete der japanischen Hauptinsel, von Gebieten nördlich des Atomkraftwerks bis Osaka im Süden. Starke Niederschläge sorgen dafür, dass fast das gesamte Cäsium-137 aus der Atmosphäre ausgewaschen wird. Es kommt zu einer nennenswerten Cäsium-Belastung großer Gebiete Japans einschließlich Tokios.

Radioaktive Kontamination

Ein internationales Forscherteam veröffentlicht am 21. Oktober 2011 eine Studie, laut der durch den Super-GAU in Fukushima 2,5-mal so viel radioaktives Edelgas Xenon-133 freigesetzt wurde wie durch Tschernobyl. Die vom Norwegian Institute for Air Research erstellte Studie errechnet eine Freisetzung von 16.700 Peta-Becquerel Xenon-133 in den Tagen vom 11.-15. März – den Autoren zufolge „die größte zivile Freisetzung in der Geschichte der Menschheit“.

Die für die menschliche Gesundheit besonders gefährliche Freisetzung von radioaktivem Cäsium-137 in den Monaten März und April belief sich der Studie zufolge auf 36 Peta-Becquerel. Obwohl diese Menge nur rund 2% des Inventars der Fukushima-Reaktoren 1-3 und des Abklingbeckens von Block 4 entsprach, betrug damit die Freisetzung in diesem Zeitraum gut 40% der geschätzten Freisetzung durch Tschernobyl. Circa 19% dieser Cäsium-137-Emissionen gingen der Studie zufolge über Japan nieder, während etwa 79% über dem Pazifischen Ozean deponiert wurden. Nahe des Kraftwerks wurden die gesetzlichen Grenzwerte für radioaktives Iod und Cäsium im Meerwasser vorübergehend um das 50.000- bis 200.000-Fache überschritten. Eine so starke Einleitung radioaktiver Spaltprodukte ins Meer hat es zuvor noch nie gegeben.

Angelika Wilmen, Pressesprecherin der IPPNW

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