Waldbrände als Risikofaktor für radioaktiv kontaminierte Regionen

[10.05.2015] Ein unterschätzter Risikofaktor in radioaktiv kontaminierten Regionen sind Wälder. Während Wohngebiete sowie industriell und landwirtschaftlich genutzte Flächen prinzipiell dekontaminiert werden können, sammeln sich radioaktive Partikel in unwegbarem Gelände in Wäldern oder Bergen und stellen im Rahmen von Stürmen, Pollenflug oder Waldbränden ein Risiko für eine Rekontamination der umliegenden Region dar. Anschaulich kann man das in Tschernobyl beobachten, wo immer wieder auftretenden Waldbrände in der Sperrzone rund um den havarierten Reaktor bis heute einen relevanten Faktor für die weitere Verbreitung von radioaktivem Niederschlag darstellen.

Wissenschaftler des Norwegischen Institut für Atmosphärenforschung (NILU) schätzen, dass in den oberen Bodenschichten und in altem Laub rund um das havarierte Kraftwerk neben zahlreichen anderen gefährlichen Radionukliden noch immer rund 2-8 Petabecquerel (Peta = Billiarde) an radioaktivem Cäsium enthalten sind. Durch Waldbrände werden diese Radionuklide immer wieder freigesetzt und mit dem Wind über ganz Osteuropa, südlich bis nach Griechenland und in die Türkei, nördlich bis Skandinavien und westlich bis Deutschland getragen. Die Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse im Februar 2015 im Fachjournal der Ecological Society of America veröffentlichten, zeigten, dass durch drei Brände in den Jahren 2002, 2008 und 2010 zusammen eine Menge von Cäsium-137 freigesetzt wurde, die rund 8% des radioaktiven Cäsium-Niederschlags unmittelbar nach der Tschernobyl-Katastrophe entsprach. Damit bestätigten die Wissenschaftler Erkenntnisse der Nationalen Landwirtschaftlichen Universität der Ukraine, deren Umweltforscher bereits seit vielen Jahren vor den gesundheitlichen Folgen von Waldbränden rund um Tschernobyl warnen.

Erst Ende April 2015 kam es wieder zu einem größeren Brand in der Sperrzone. Die Wissenschaftler von NILU gehen aufgrund der klimatischen Veränderungen von einer Zunahme größerer Waldbrände in der nahen Zukunft aus und kritisieren in ihrer Arbeit die unzureichende Löschinfrastruktur in der Region.
Im Gegensatz zur Ukraine ist das Risiko von Waldbränden in Japan generell niedriger. Lediglich in einer kurzen Trockensaison gegen Ende des Frühjahrs könne es in den betroffenen Gebieten rund um Fukushima zu Waldbränden kommen, so Tatsuhiro Ohkubo, Professor für Waldökologie der Universität Utsunomiya. Dennoch warnt er vor den potentiellen Auswirkungen auf die Umwelt und die Bevölkerung, sollte es in der Zukunft durch Brände von kontaminierten Wäldern zu weiträumigen radioaktiven Niederschlägen kommen. Die Frage, wie man mit dieser Gefahr umgeht und ob präventive Maßnahmen möglich und notwendig sind, wird die japanische Gesellschaft wohl noch mehrere Jahrzehnte beschäftigen.

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