Da nicht sein kann was nicht sein darf - Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Fukushima

[08.09.2015] Am 31. August 2015 veröffentlichte die Fukushima Medical University die neuesten Daten der Fukushima-Schilddrüsenstudie. Insgesamt wurden mehr als 300.000 Kinder unter 18 Jahren in den letzten vier Jahren in diese Studie eingeschlossen und zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten untersucht.

Bei 537 von ihnen wurden in der ersten Runde des sogenannten Screenings solch auffällige Befunde im Ultraschall identifiziert, dass Feinnadelbiopsien durchgeführt werden mussten. Die mikroskopische Aufarbeitung ergab 113 Krebsverdachtsfälle. 99 dieser Kinder mussten auf Grund von Metastasen oder gefährlich großem Wachstum des Tumors operiert werden. Ein Fall stellte sich nach der Operation als gutartiger Tumor heraus, bei 98 der operierten Fälle bestätigte sich die Krebsdiagnose.

Die Zielgruppe der zweiten Screening-Runde ist größer als die der ersten, da auch Kinder einbezogen wurden, die kurz nach dem Atomunglück geboren wurden.

In der zweiten Screening-Runde wurden zwischen April 2014 und März 2016 von insgesamt 378.778 Kindern bislang 169.445 untersucht. Validierte Ergebnisse der zweiten Screening-Runde liegen bislang nur von 153.677 Kindern vor (40,5%). Bei 88 von ihnen waren Feinnadelbiopsien notwendig. Die mikroskopische Aufarbeitung ergab insgesamt 25 neue Krebsverdachtsfälle. 6 dieser Kinder mussten auf Grund von Metastasen oder gefährlich großem Wachstum des Tumors operiert werden. Bei allen bestätigte sich die Krebsdiagnose. 

Insgesamt liegen also derzeit bei 104 Kindern bestätigte Schilddrüsenkrebsdiagnosen vor. Sie alle mussten wegen Metastasierung oder zu schnellem Wachstum der Krebsgeschwüre operiert werden. Bei 33 weiteren Kindern besteht der akute Verdacht auf eine Schilddrüsenkrebserkrankung. Sie warten noch auf eine Operation.

Im Zweitscreening wurden bei 58,4% Knoten oder Zysten gefunden wurden. Im Erstscreening lag diese Rate noch bei 48,5%. Das bedeutet, dass bei 28.438 Kindern, bei denen im ersten Screening noch gar keine Schilddrüsenanomalien gefunden wurden, nun Zysten oder Knoten festgestellt wurden – bei 270 von ihnen sogar so große, dass eine weitere Abklärung dringend notwendig wurde. Zusätzlich wurden bei 553 Kindern mit kleinen Zysten oder Knoten im Erst-Screening in der Nachuntersuchung ein so rasches Wachstum festgestellt, dass weitergehende Diagnostik eingeleitet werden musste. Bei 6 der gesicherten Schilddrüsenkrebsfälle trat die Krebserkrankung im Zeitraum zwischen der Erst- und der Zweituntersuchung auf.

Geht man davon aus, dass zwischen den beiden Untersuchungen wie vorgesehen 2 Jahre liegen, dann ist von einer jährlichen Neuerkrankungsrate (Inzidenz) von knapp 2 Fällen pro Jahr pro 100.000 Kinder auszugehen. Die Inzidenz für Schilddrüsenkrebs bei Kindern lag in Japan vor den Kernschmelzen von Fukushima bei 0,3 Fällen pro Jahr pro 100.000 Kindern. Dieser Anstieg lässt sich nicht mehr mit einem sogenannten „Screening-Effekt“ begründen.  Hinzu kommt, dass mehr als 67.000 strahlenexponierte Kinder aus der Präfektur Fukushima gar nicht erst in die Untersuchungen eingeschlossen wurden und mehr als 209.000 weitere Kinder immer noch auf ihre Zweituntersuchung warten. So gibt es berechtigten Grund zur Sorge, dass die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle in den kommenden Monaten noch steigen könnte. Der ausgeprägteste Effekt der radioaktiven Verstrahlung ist aufgrund der Latenzzeit von Krebserkrankungen ohnehin erst im Laufe der nächsten Jahre zu erwarten.

Am selben Tag, als an der Fukushima Medical University die neuen Zahlen der Schilddrüsenstudie veröffentlicht wurden, reagierte bereits die Regierung der Präfektur Fukushima auf die besorgniserregenden Daten. Sie beauftragte ein Forschungsteam mit der Untersuchung, ob die unerwartet hohe Zahl an Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern im Zusammenhang mit der Freisetzung von radioaktivem Jod durch die mehrfachen Kernschmelzen im AKW Fukushima Dai-ichi steht. Das Resultat dieser Untersuchungen steht allerdings für die Regierung bereits fest, bevor überhaupt die erste Akte gewälzt wurde: „Es ist unwahrscheinlich, dass die Schilddrüsenkrebsfälle, die in der Präfektur Fukushima entdeckt wurden, durch den Unfall im Atomkraftwerk verursacht wurden.“ Eine solche verfrühte Vorfestlegung ist erstaunlich, da es die Ernsthaftigkeit der Untersuchungen in Frage stellt.

Es bleibt festzustellen, dass die Regierung der Präfektur Fukushima, wie auch die japanische Regierung in Tokio, zutiefst von der Atomindustrie im Land durchdrungen ist und der Einfluss des sogenannten „Nuklearen Dorf“ weiterhin enorm ist. Unter dem „Nuklearen Dorf“ versteht man in Japan das Konglomerat aus Atomwirtschaft, atomfreundlichen Politikern, gekauften Medien und korrupten Aufsichtsbehörden, die gemeinsam das Fortbestehen der Atomindustrie im Land vorantreiben. Eine ernsthafte und glaubwürdige Untersuchung der strahleninduzierten Schilddrüsenkrebsfällen ist durch die Regierung der Präfektur Fukushima unter diesen Umständen nicht zu erwarten und so wird das Resultat, welches noch in diesem Jahr erwartet wird, den Vorfestlegungen entsprechen: ein Zusammenhang zwischen dem signifikanten Anstieg von Schilddrüsenkrebserkrankungen mit dem mehrfachen Super-GAU vom März 2011 wird nicht gefunden werden – da nicht sein kann, was nicht sein darf.

Dr. med. Alex Rosen

IPPNW Deutschland

zurück