Die Nahrungskette in Japan ist seit 2011 durch Fukushima vielfach belastet mit Radionukliden. Grafik: IPPNW

IPPNW-Report: Gesundheitliche Folgen von Fukushima Update 2015

[03.03.2015] Vier Jahre nach Atomkatastrophe in Fukushima legt die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW eine aktualisierte Fassung ihrer quantitative Abschätzung der „Gesundheitlichen Folgen von Fukushima“ vor. Schwerupnkt des Update 2015 von Henrik Paulitz, Winfrid Eisenberg und Reinhold Thiel ist die Abschätzung der zu erwartenden Krebserkrankungen in Japan.

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi kam es am 11. März 2011 zu einer Atomkatastrophe mit massiver und anhaltender Freisetzung radioaktiver Spalt- und Zerfallsprodukte.

Der Bericht des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Un-tersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) von 2013 machte erstmals Abschätzungen der Kollektivdosis der japanischen Bevölkerung öffentlich. Es geht dabei sowohl um die externe als auch um die interne Strahlenbelastung durch Inhalation sowie durch die Nahrungsmittelaufnahme (Ingestion) von Radionukliden. Insgesamt ergibt sich laut UNSCEAR für die rund 127 Millionen Japaner eine kollektive Lebenszeitdosis von 48.000 Personen-Sievert (PSv).

Bei Verwendung der Risikofaktoren gemäß BEIR VII (Inzidenz 0,18/PSv, Mortalität 0,09/PSv; DDREF = 1) ist mit 8.600 Krebserkrankungen zu rechnen, von denen 4.300 tödlich verlaufen.
Neuere Studien deuten auf ein etwa doppelt so großes Risiko hin (Inzidenz 0,4/PSv, Mortalität 0,2/PSv; DDREF = 1). Mit diesen Risikofaktoren wäre mit 19.200 Krebserkrankungen und 9.600 Krebstodesfällen zu rechnen.

Da UNSCEAR seine Schätzungen jedoch auf Grundlage von Zahlen der Atomindustrie errechnete, statt Daten von unabhängigen Forschungseinrichtungen zu berücksichtigen, dürften die tatsächlichen Kollektivdosen deutlich höher liegen als von UNSCEAR angegeben. Die UN-Institution selbst räumt in ihrem Bericht gravie-rende „Unsicherheiten“ ein – nicht jedoch in ihren vor Zuversicht strotzenden Pres-semitteilungen und Zusammenfassungen.

Um zu demonstrieren, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen man mit unabhängigen wissenschaftlichen Daten kommen kann, wurden in dieser Arbeit mit verschiedenen Methoden ebenfalls Kollektivdosen und die zu erwartenden Krebsfälle errechnet.

Als erstes wurde ausschließlich die externe Strahlung berücksichtigt und mittels dreier unterschiedlicher Methoden die Kollektivdosis der japanischen Bevölkerung ermittelt:

  • Die erste Methode stützt sich auf die Veröffentlichung eines internationalen Forscherteams über die Bodenkontamination mit Cäsium in den 47 Präfekturen Japans
  • Die zweite Methode basiert auf Abschätzungen eines internationalen Forscherteams über die in Japan abgelagerte Cäsium-Gesamtmenge
  • Die dritte Methode nutzt als Berechnungsgrundlage Messungen der Orts-dosisleistungen im Herbst 2012

Unter Berücksichtigung der abschirmenden Wirkung von Gebäuden ergeben die drei Alternativ-Rechnungen kollektive Lebenszeitdosen von 94.749 Personen-Sievert (PSv), 206.516 PSv bzw. 142.089 PSv.

Unter Verwendung der Risikofaktoren gemäß BEIR VII (Inzidenz 0,18/PSv, Mortali-tät 0,09/PSv; kein DDREF) errechnen sich zwischen 17.000 und 37.200 zu erwar-tende Krebserkrankungen, von denen 8.500 bzw. 18.600 tödlich verlaufen.

Auf der Basis aktueller Risikofaktoren (Inzidenz 0,4/PSv, Mortalität 0,2/PSv; DDREF = 1) ergeben sich zwischen 37.900 und 82.600 Krebserkrankungen mit 19.000 bis 41.300 Krebstodesfällen.

Für die Abschätzung der zu erwartenden Krebserkrankungen aufgrund von konta-minierten Nahrungsmitteln wurden 17.000 vom japanischen Gesundheitsministerium veröffentlichte Messergebnisse herangezogen. Insgesamt ergaben die Be-rechnungen eine kollektive Lebenszeitdosis von 93.166 PSv.

Bei Verwendung der Risikofaktoren gemäß BEIR VII (Inzidenz 0,18/PSv, Mortalität 0,09/PSv; DDREF = 1) ist mit rund 16.800 Krebserkrankungen zu rechnen, von denen 8.400 tödlich verlaufen.

Bei Verwendung aktueller Risikofaktoren (Inzidenz 0,4/PSv, Mortalität 0,2/PSv; DDREF = 1) ergeben sich für diesen Belastungspfad 37.300 Krebserkrankungen und 18.600 Krebstodesfälle.

Es gibt bereits jetzt Hinweise auf erste gesundheitliche Folgen.

Vier Jahre nach dem Reaktorunglück ist zwar noch nicht mit einem starken Anstieg von Krebserkrankungen zu rechnen. Das in der Präfektur Fukushima durchgeführte Screening-Programm identifizierte aber bereits eine unerwartet große Zahl von Schilddrüsenkrebsfällen, die womöglich bereits den Beginn einer Erkrankungswelle darstellen. Der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) hat in seinem Jahresbe-richt von 2013 Schätzungen veröffentlicht, wie viele Schilddrüsenkrebsfälle in den kommenden Jahrzehnten durch den radioaktiven Niederschlag von Fukushima verursacht werden könnten: Legt man die von UNSCEAR angegebene kollektive Lebenszeit-Schilddrüsendosis von 112.000 Personen-Gray zugrunde, so wäre in Japan insgesamt mit über 1.000 zusätzlichen Schilddrüsenkrebs-Fällen zu rechnen. Die Daten von UNSCEAR stellen dabei vermutlich noch eine starke Unterschätzung der Dosisbelastung dar.

Neun Monate nach dem Beginn der Atomkatastrophe war ein deutlicher Geburten-Rückgang festzustellen. In der Fukushima-Region (7 Präfekturen) „fehlten“ im Dezember 2011 912 Neugeborene, davon 145 in der Präfektur Fukushima. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass es sich um einen Fukushima-Effekt handeln könnte. Auch gab es in Japan eine erhöhte Säuglingssterblichkeit: Über die statistische Erwartung hinaus starben 64 Kinder im ersten Lebensjahr.

Medienberichten zufolge sollen bislang 71 US-Soldaten schwer erkrankt sein, die im Frühjahr 2011 vor der japanischen Küste auf Kriegsschiffen im Einsatz waren, 51 davon an verschiedenen Krebsarten.

Für die Arbeiter, die laut Betreibergesellschaft Tepco in den Jahren 2011 und 2012 in der havarierten Atomanlage tätig waren, rechnet die IPPNW auf der Grundlage der Erfahrungen von Tschernobyl mit vielen tausend schweren Erkrankungsfällen.

Teile der quantitativen Ergebnisse dieser Arbeit sind mit Unsicherheiten behaftet, weil manche Ausgangsdaten nur unpräzise veröffentlicht wurden und bei den Berechnungen teilweise weitere Annahmen getroffen werden mussten. Der IPPNW erschien es aber notwendig, mit dieser quantitativen Abschätzung die Dimension der Fukushima-Atomkatastrophe deutlich zu machen.

Weltweit kann es in jedem Atomkraftwerk jederzeit erneut zu einem Super-GAU kommen: Durch menschliches Versagen, technische Defekte, Naturgewalten, Sabotage oder durch militärische Einwirkung. Angesichts der derzeitigen Lage der Welt erscheint es dringend notwendig, überall schnellstmöglich aus der Atomener-gie auszusteigen.

 

IPPNW-Bericht "Gesundheitliche Folgen von Fukushima Update 2015" (deutsch)
Englische Zusammenfassung des Reports (2103)
Japanische Zusammenfassung des Reports (2013)

 

 

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