Reihenuntersuchungen in Fukushima finden 12 Fälle von Schilddrüsenkrebs

Von Dr. med. Alex Rosen

[06.07.2013] Die Präfektur Fukushima veröffentlichte im Juni einen neuen Zwischenbericht des Fukushima Health Management Survey. Kurz zusammengefasst sind die wesentlichen Erkenntnisse bislang: Von insgesamt 175.499 Kindern unter 18 Jahren, zeigten 76.230 (43,4%) auffällige Schilddrüsenbefunde, also Knoten oder Zysten.

1.140 Kinder (0,6%) wurden für Zweituntersuchungen einbestellt, da sie Knoten von über 5 mm Durchmesser oder Zysten von über 2 cm Durchmesser hatten. Im Fukushima Medical University Hospital wurden bei ihnen weitere Ultraschall-,  Blut- und Urinuntersuchungen durchgeführt, sowie, falls für erforderlich erachtet, Feinnadelbiopsien.

Bis Ende Mai 2013 hatten lediglich 421 dieser 1.140 Kinder (36,9%) mit auffälligen Schilddrüsenbefunden ihre Zweituntersuchung abgeschlossen; bei 145 wurden Feinnadelbiopsien durchgeführt.

Von den 145 Kindern, bei denen Feinnadelbiopsien durchgeführt wurden, wurden in 28 Fällen krebsverdächtige Zellen gefunden. 13 Kindern wurden bislang die Schilddrüsen entfernt. In 12 dieser Fällen wurden papilläre Schilddrüsenkarzinome bestätigt, 1 Fall wurde als gutartiger Tumor gewertet. Die übrigen 15 Kinder mit krebsverdächtigen Biopsiebefunden wurden bislang noch nicht operiert, so dass noch nicht sicher gesagt werden kann, ob sie tatsächlich Schilddrüsenkrebs haben oder nicht.

Insgesamt 719 weitere Kinder haben ihre Zweituntersuchungen noch nicht absolviert. Besonders besorgniserregend ist dabei die Situation in Koriyama Stadt: hier wurden 442 Kinder bei auffälligen Befunden in der Erstuntersuchung für eine Zweituntersuchung einbestellt. Lediglich 5 dieser Kinder haben die Zweituntersuchung jedoch bislang beendet. Bei 2 dieser Kinder wurde allerdings schon bösartiger Schilddrüsenkrebs festgestellt. Dies wirft die Frage auf, wie viele weitere Krebsfälle diagnostiziert werden, wenn die übrigen 437 Kinder aus Koriyama Stadt untersucht werden.

Auch darf nicht vergessen werden, dass 158.783 Kinder aus 34 weiteren Ortschaften in Fukushima ihre Erstuntersuchung noch nicht hatten und diese erst in den kommenden Wochen erhalten werden.

Die Schilddrüsenuntersuchungen in der Präfektur Fukushima sind, wie oben beschrieben, noch lange nicht abgeschlossen, so dass wir aktuell noch immer keinen Überblick über die tatsächliche Zahl von Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern und Jugendlichen haben. Geht man alleine von den Zahlen aus, die bereits vorliegen, so wurden bislang bei 15,4 von 100.000 Kinder und Jugendlichen krebsverdächtige Biopsiebefunde erhoben und bei 6,8 von 100.000 bereits Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht sicher zu sagen, ob diese unerwartet hohe Zahl an Schilddrüsenkrebsfällen auf die radioaktive Verseuchung nach dem Super-GAU von Fukushima zurückzuführen ist.

Das Nationale Krebszentrum in Japan gibt die Inzidenz von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen unter 19 Jahren in den Jahren 2000-2007 mit 0,35 pro 100.000 an (0,21 pro 100.000 für männliche, 0,49 pro 100.000 für weibliche Kinder und Jugendliche).(Center for Cancer Control and Information Services, National Cancer Center, Japan. Katanoda et al. "An updated report of the trends in cancer incidence and mortality in Japan." Japanese Journal of Clinical Oncology, 2013; 43: 492-507; http://ganjoho.jp/pro/statistics/en/table_download.html) Ähnliche Angaben werden für die Inzidenz von Schilddrüsenkrebs in anderen Ländern, wie den USA oder dem Vereinigten Königreich gemacht: Studien konnten hier Inzidenzen zwischen 0,02 und 0,3 pro 100.000 zeigen. (Vaisman et al. "Thyroid Carcinoma in Children and Adolescents―Systematic Review of the Literature". Journal of Thyroid Research, Volume 2011; Wiersinga et al. "Thyroid cancer in children and adolescents--consequences in later life." J Pediatr Endocrinol Metab. 2001;14 Suppl 5:1289-96; discussion 1297-8; Harach et al. "Childhood thyroid cancer in England and Wales." Br J Cancer. 1995 Sep;72(3):777-83; „Thyroid cancer incidence statistics.“ Cancer Research UK, www.cancerresearchuk.org/cancer-info/cancerstats/types/thyroid/incidence/uk-thyroid-cancer-incidence-statistics#age).

Diese Angaben zur Inzidenz beschreiben die Anzahl von Neuerkrankungen in der Normalbevölkerung pro Jahr. Sie können demnach nicht direkt mit den Ergebnissen der Reihenuntersuchungen des Fukushima Health Management Survey verglichen werden, da hier eine große Anzahl symptomloser Kinder und Jugendlicher mit Ultraschall untersucht wurden und daher evtl. auch Krebsfälle gefunden wurden, die vielleicht erst Jahre später klinische Symptome verursacht hätten. Wenn durch eine Reihenuntersuchung eine höhere Rate an Erkrankungen festgestellt wird als in der Normalbevölkerung durch Symptome normalerweise auffallen, spricht man von einem sogenannten "Screeningeffekt". Dieser wird von den japanischen Wissenschaftler bislang für die unerwartet hohen Raten an Schilddrüsenkrebsraten in Fukushima verantwortlich gemacht. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich diese Hypothese bestätigt oder ob, ähnlich wie nach dem Super-GAU von Tschernobyl, die Schilddrüsenraten über viele Jahre kontinuierlich ansteigen.

Nach Tschernobyl war erst ungefähr 4 Jahre nach dem Super-GAU ein signifikanter Anstieg der Schilddrüsenkrebsraten zu verzeichnen. Die Tatsache, dass Schilddrüsenkrebsfälle in Fukushima bereits so kurze Zeit nach der Katastrophe festgestellt wurden kann evtl. mit den besseren diagnostischen Möglichkeiten in Japan erklärt werden. In den, von Tschernobyl betroffenen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion existierten auch keine Reihenuntersuchungen mit hochauflösenden Ultraschallgeräte. So kann es durchaus sein, dass auch nach Tschernobyl die ersten Schilddrüsenkrebsfälle bereits deutlich früher auftraten, aber lediglich noch nicht diagnostiziert wurden.

Es ist insgesamt problematisch, die Effekte der Atomkatastrophe von Tschernobyl mit denen der Atomkatastrophe von Fukushima zu vergleichen, da sich die beiden Szenarien in wesentlichen Parameter unterscheiden. So ist die Nahrung japanischer Kinder auf Grund des hohen Gehalts an Fisch und Algen deutlich jodreicher als das der Bevölkerung rund um Tschernobyl. Auch wurde durch die Kernschmelzen von Fukushima insgesamt weniger Jod-131 freigesetzt als in Tschernobyl und ein Großteil des radioaktiven Niederschlags ereignete sich nicht über dem japanischen Festland, sondern über dem Pazifik, wo sie allerdings die marine Nahrungskette verseuchten.“. Gleichzeitig muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die japanischen Behörden sich weigerten, den betroffenen Kindern schützende Jodtabletten zu verabreichen.

Die genaue Belastung der Kinder in Fukushima mit radiaktivem Jod ist daher recht schwer abzuschätzen. Allerdings wurden im Staub von zahlreichen Kindergärten, Schul- und Pausenhöfen in der Präfektur Fukushima im Mai 2011 vom japanischen Wissenschaftsministerium deutlich erhöhte Werte von Jod-131 gefunden. (MEXT, “Calculation Results and Basis regarding Internal Exposure - Studied in Summarizing the “Tentative Approach”, May 12th, 2011; http://eq.wide.ad.jp/files_en/110512release1_en.pdf) Auch Obst und Gemüse, Leitungswasser und Fisch zeigten deutlich erhöhte Werte des radioaktiven Isotops - zum Teil noch drei Monate nach den ursprünglichen Explosionen. (WHO, „Preliminary dose estimation from the nuclear accident after the 2011 Great East Japan Earthquake and Tsunami“. May 23rd, 2012, Table A8.2, p. 106; http://whqlibdoc.who.int/publications/2012/9789241503662_eng.pdf). Es ist also davon auszugehen, dass die Kinder in der Präfektur Fukushima über längere Zeit erhöhten Dosen an Jod-131 durch aufgewirbelten radioaktiven Staub und kontaminierte Nahrung ausgesetzt waren und daher ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Schilddrüsenkrebs haben. Auch ist zu bedenken, dass Kinder außerhalb der Präfektur Fukushima ebenfalls in Kontakt mit radioaktivem Jod kamen, so dass die auf die Präfektur beschränkten Untersuchungen zu kurz greifen. Durch den Super-GAU von Tschernobyl wurden ebenfalls etliche Schilddrüsenkrebsfälle in den vom radioaktivem Niederschlag betroffenen Ländern verursacht.

Man muss dabei bedenken, dass Kindern mit Schilddrüsenkrebs in einer aufwändigen Operation, die mit einem nicht unerheblichen Risiko einhergeht, die gesamte Schilddrüse entfernt werden muss. Auch müssen sie nicht nur für den Rest ihres Leben Schilddrüsenhormone schlucken, die mittels regelmäßiger Blutuntersuchungen genau eingestellt werden, sondern auch regelmäßig zu Nachsorgeuntersuchungen kommen, da Rezidive nicht selten sind. Schilddrüsenkrebs ist also trotz der guten Behandlungsoptionen keine Lappalie für die betroffenen Familien.

Der Schutz vor radioaktiver Strahlung ist vor allem bei Kindern, die eine deutlich höhere Strahlenempfindlichkeit haben als Erwachsene, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich die japanischen Behörden stellen müssen. 

Dr. med. Alex Rosen (IPPNW-Vorstandsmitglied)

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